Ein Trickfilm über Else Hirsch
Hier könnt ihr meinen Trickfilm zu Else Hirsch ansehen.
Es ist ein Stummfilm.
Hintergründe zum Trickfilm

Lui Kohlmann und Dorothee Schäfer
Austellungsprojekt:
weiterwirken. Frauen im Widerstand
Die Bochumer Künstlerin Dorothee Schäfer kuratiert das Ausstellungsprojekt „weiterwirken. Frauen im Widerstand“ und hat vier Künstler:innen eingeladen, Arbeiten zu Bochumer Frauen im Widerstand gegen die Nazis zu erstellen. Unter anderem auch mich. Dabei entstanden sind vier ganz verschiedene Ansätze und Perspektiven. Neben meinem Trickfilm gibt es auch noch eine Audioarbeit (Jule Hellmich am 9.4.2026), Gedichte (Issam Al Najm am 11.6.2026) und eine Installation (Dr. Simone Neumann-Salva am 13.8.2026), die bald im Fritz-Bauer-Forum präsentiert werden.
In unserer Recherche für das Projekt haben wir uns als maßgeblichen Ausgangspunkt auf das Buch Wider das Vergessen: Widerstand und Verfolgung Bochumer Frauen und Zwangsarbeiterinnen 1933-1945 gestützt. Es ist eine Sammlung der vielfältigen Biografien von Bochumer Frauen im Widerstand gegen die Nazis. Eine, die mich ganz besonders berührt hat, war Else Hirsch.
Buchempfehlung: Wider das Vergessen: Widerstand und Verfolgung Bochumer Frauen und Zwangsarbeiterinnen 1933-1945, herausgegeben von Karin Finkbohner, Betti Helbing, Carola Horn, Anita Krärner, Astrid Schmidt-Ritter, Kathy Vowe, Projektgruppe „Wider das Vergessen“ im Frauenverband Courage e.V. Ortsgruppe Bochum. Ruhr Echo Verlag. ISBN: 9783931999278
Wer war Else Hirsch?

Else Hirsch inmitten ihrer Schüler
Else Hirsch war eine jüdische Lehrerin, die in der Nazizeit viele Kinder rettete. Obwohl sie mehrfach die Chance hatte, selbst zu fliehen, blieb sie bei ihren Schülerinnen und Schülern in Bochum und unterrichtete sie weiter. Selbst dann noch, als sie nach Riga ins Ghetto verschleppt wurde, unterrichtete sie weiter.
Eine ausführlichere Biografie zu Else Hirsch gibt es von Daniela Collette in Text– und Videoform.
Entwicklung eines Trickfilms

Notizbuch
Schnell war für mich klar, dass ich zu Else Hirsch arbeiten wollte. Und dass es ein Trickfilm werden sollte. Ich recherchierte weiter zu Else Hirsch und bekam langsam ein Bild von ihr als Mensch. Schrullig, streng aber fair, ordentlich, eher still, gewissenhaft, unvorteilhaft gekleidet, „altjüngferlich“ – das sagte man ihr so nach. Ich sammelte alles, was mir für den Trickfilm wichtig schien, in einem Notizbuch.

Notizbuch
Formale Entscheidungen
Im nächsten Schritt ging es darum, formale Entscheidungen zu treffen. Es gibt tausende Arten, einen Trickfilm zu machen – aber welche davon passt zu Else Hirsch? Man kann nicht über Else Hirsch reden, ohne über Schule und Unterricht zu reden. So lag es dann sehr nahe, auch formal auf ihr alltägliches Umfeld einzugehen: Schiefertafel und Kreidestaub.
Zunächst hatte ich vor, den ganzen Film analog mit Kreidezeichnungen auf Schiefer zu animieren. Von dieser Idee nahm ich aber schnell Abstand, weil es viel schwerer im Nachhinein zu bearbeiten ist, wenn man einen fehlenden Frame einfügen will, zB für eine flüssigere Bewegung.
Es wurde also ein kleiner Hybrid aus Analog und Digital: ich fotografierte eine echte Schiefertafel. Vor diesem Hintergrund spielt der Film. Die Zeichnungen habe ich digital auf dem Tablet erstellt mit digitalen Pinseln, die die Kreidetextur imitieren. Wen es ganz genau interessiert: Das Zeichenprogramm heißt Procreate und die Pinsel stammen aus dem Pinselset „Chromograph“ von True Grit Texture Supply.

Filmstill
Der unschlagbare Vorteil der digitalen Zeichnung war – neben der leichteren Editierbarkeit-, dass ich dabei auf der Couch unter der Heizdecke liegen und zeichnen konnte.
Aus der Entscheidung für die Ästhetik von Kreide und Schiefertafel ging direkt die nächste hervor: Ein Schwarz-Weiß-Film sollte es sein. Passend zur Zeit, die er behandelt und passend zum düsteren Thema. Die Filme dieser Zeit waren nicht nur schwarz-weiß, sondern auch stumm. Ich entschied mich ebenfalls für einen Stummfilm, da der fertige Film auch während des alltäglichen Cafébetriebs im Café Historias zu sehen sein soll – und eine Tonspur, die dauernd plärrt, dabei eher nerven würde. Statt gesprochenem also geschriebener Text. Viele Stummfilme hatten früher Texteinblendungen zwischen den Filmaufnahmen. Ich hab mich davon etwas gelöst und teilweise Bilder und Text kombiniert, damit bin ich schon näher am Comic.
Text ja – aber wie geschrieben?
Typografie bringt eigene Bedeutungsnuancen mit sich. Ich wählte eine Handschrift aus, weil es gut zur Schule passt. Originalgetreu und historisch akkurat wäre natürlich Sütterlin gewesen – aber das können nur noch wenige Leute lesen, meistens Archivar*innen, Historiker*innen und eben jene alten Menschen, die es noch in der Schule gelernt haben. Daher fiel die Wahl auf die lateinische Ausgangsschrift.

Filmstill
Weglassen und Lücken füllen: das Storyboard

Auszug aus dem Storyboard
Doch bevor das Animieren losgehen konnte, musste erstmal das Storyboard her. Im Grunde wie ein Comic, statt Panel für Panel nun Szene für Szene. Ich musste Entscheidungen treffen, welche Aspekte aus dem Leben von Else Hirsch ich zeigen wollte – und wie. Und welche wegfallen. Ihre Jugend und Ausbildung zur Lehrerin zum Beispiel, habe ich komplett unterschlagen. Stattdessen konzentriere ich mich auf ihre Zeit als Lehrerin während der Nazidiktatur. Und auch hier wollte ich mich mehr auf die Aspekte konzentrieren, die sie aktiv gestaltet hat: Wie sie den Kindern einen „normalen“ Schulalltag geschenkt hat, trotz der antisemitischen Schikanen und des Terrors, der täglich von der Regierung und den Mitmenschen ausging.

Auszug aus dem Storyboard
Bilder mit Bewegung füllen: der Animationsprozess
Bilder zu animieren ist etwas ganz anderes, als einfach nur einzelne Bilder zu zeichnen. Man muss in Bewegung denken und sich hineinfühlen in die Körperhaltung, die kleinen leisen Gesten. Wie kann man Schrulligkeit zeigen? Knabbern an der Brille? Strenge aber Fairness – Zurechtweisen und lächeln? Wie hat Else Hirsch sich gefühlt, als sie gepackt und verschleppt wurde? Voller Wut? In Regungslosigkeit? Im Aufbegehren?
Ich kann es nicht wissen, wie Else Hirsch sich gefühlt hat. Das alles ist nur ein Versuch, eine Annäherung, eine Projektion. Ich habe versucht sie kennenzulernen durch das, was über sie bekannt ist.

Auszug aus dem Storyboard
Premiere
Der Trickfilm hatte am 12.02.2026 Premiere im Café Historias, das ans Fritz-Bauer-Forum angeschlossen ist. Dort und auf Youtube ist er fortan zu sehen.




Dank
Bedanken möchte ich bei allen, die dieses Projekt erst möglich gemacht haben: Dr. Irmtrud Wojak, Dorothee Schäfer, Familie Tabesch und das ganze Team vom Fritz-Bauer-Forum. Danke auch an die Förder*innen und Partner*innen dieses Projekts:


Fotos: lensit.photography © FRITZ BAUER FORUM | BUXUS STIFTUNG